Datum: 17.10.1941, VOW ID 7731
Einsatzort: Seskar (Golf von Finnland)
Bericht: Genosse Dr. Jones

Unser Flugauftrag lautete Begleitschutz für ein paar IL-4 nach Suursaari, einer kleinen finnischen Insel, auf der sich die Deutschen eingenistet haben. Das Briefing bestand mehr aus Agitation als aus Information: ... für's kommunistische Vaterland ... heldenhaft bis zur letzten Patrone ... das Übliche eben. Unser Kommandeur, Genosse Berkut, war zu dieser Zeit auf Dienstreise ins imperialistische Amerika, wegen neuer Flugzeuge, so hieß es. So war ich die Nummer 1 am Start, welcher um 0700 reibungslos verlief. Genosse Pegasus war es dann, der kurz nach dem Start die Bomber zuerst entdeckte.

 
 
 
  Wir hängten uns mit unseren I-16 darüber und beobachteten wachsam den Luftraum, blieben aber bis etwa 10km vorm Ziel unbehelligt. Aber plötzlich waren sie da, überall, eine Silhouette nach der anderen löste sich aus der blendenden Morgensonne. Jetzt ging der Tanz los, eine Welle der Anspannung durchfuhr meinen ganzen Körper bis dieser aus purer Konzentration bestand. Immer den Luftraum um mich herum absuchend, um jeden Angreifer rechtzeitig zu erkennen, drehte ich hinter einer finnischen Morane ein, deren offensichtlich unvorsichtiger Pilot nur den Blick für sein vermeintliches Opfer hatte. Dieser Fehler wurde ihm zum Verhängnis. Nach einem langen Feuerstoß flogen die Fetzen nur so aus der Morane. Während sie in den Sturz ging, löste sich das Kabinendach und eine Gestalt wirbelte heraus. Im Abfangen sah ich noch den Schirm öffnen.  
 

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Die Bomber waren jetzt über dem Ziel und lieferten ihre Presente ab, noch immer vom Luftkampf-Zirkus umgeben. Dazu kam jetzt noch der Flak-Zauber der Deutschen, die ohne Rücksicht auf die eigenen Flieger drauf los ballerten. Sind ja nur Finnen, oder was?!
Kampfentschlossen steuerte ich meinen Jäger mittenhinein und pickte mir die nächste Morane heraus, welche jedoch viel agiler manövrierte als der andere Kollege. Er konnte wohl den meisten meiner letzten Geschosse ausweichen. "Ich hab' hier einen angebraten!" rief ich in den Funk, "Gebt ihm den Rest!". So überließ ich ihn qualmend dem Genossen Pegasus zum Abschuß.
Die Bomber begaben sich auf den Heimweg, auch Zeit für uns. Erstmal Kurs Ost, dann mal einen Blick in die Karte ... BUMM! Da zerplatzt eine Flak-Granate direkt vor mir. Mit einem lauten Knall stand sofort das Triebwerk still und ich konnte teilweise durch meine Flügel schauen! Wie gut, daß ich auch Verdienter Segelflieger des Volkes bin! Ich hatte die Insel in etwa 500 Metern gerade überflogen. Mit einer Gleitzahl wie eine russische Ofenbank drehte ich vorsichtig um. Das Ufer sah ganz brauchbar aus, mit einem Krachen setzte ich die Maschine auf und blieb nach einer kurzen Rutschpartie liegen, nur etwa 50 Meter vor der Flak, der ich das zu verdanken hatte! Merkwürdig, diese plötzliche Ruhe, untermalt vom Rauschen der Wellen und vom Ticken des abkühlenden Motors und - plötzlich ein Gejohle von der Flakmannschaft, die sich mit Maschinenpistolen im Anschlag näherte.

 
   

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Ein langer dünner Kerl, ein Zweieinhalb-Zentner-Bulle und eine halbe Portion mit hinterlistigem Blick. Letzterer deutete mir etwas mit seiner Knarre, "Hände hoch! Raus da, Iwan!" brüllte er. Der war also der Anführer. Man führte mich zur Flakstellung, setzte mich an einen Baum und der Lange fesselte meine Hände dahinter. Dann stand er vor mir und sagte breit grinsend: "Danke schön!". 'Häh?', wofür das; aber dann sah ich auch schon meine nagelneue Poljot-Uhr an seinem Handgelenk. 'Na warte', dachte ich mir, 'man trifft sich immer zweimal!'. Der Giftzwerg schickte sich an zu telefonieren, wahrscheinlich um mich abholen zu lassen. Aber seiner bedepperten Miene konnte ich entnehmen, daß die Leitung wohl tot war. Also setzte er den Uhrendieb mit einer Botschaft in Marsch. Der Bulle musterte mich, als käme ich von einem anderen Stern. "Du, Iwan", sagte er und breitete die Arme wie Flügel aus, "Du? - Brumm Brumm?". Der Zwerg rollte mit den Augen und warf ihm verächtlich ein Eßgeschirr an den Kruppstahl-Helm. Dabei fanden ein paar Sauerkraut-Reste ihren Weg in mein Gesicht, aber auch ein Messer flog unbemerkt dicht vorbei und blieb irgendwo in der Nähe meiner Hände liegen. Schlagartig wurde mir meine Chance zur Flucht klar. Den Bullen mit dem Spatzenhirn mußte ich austricksen und den Zwerg sollte ich noch mit Links und 40 Fieber schaffen! Unauffällig begann ich mit meiner eigenen Befreiungsaktion. Der Strick war mit Hilfe des Messers bald geschafft, jetzt mußte ich nur noch auf eine günstige Gelegenheit warten. Zu meinem Glück dauerte das nicht lange: Fritz Oberwichtig ließ mich mit Fritz Kleinhirn allein, um sich meine I-16 genauer anzusehen.

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Ich forschte nach dem größten Knüppel in meiner Nähe und sagte dann: "Pssst!". Der Bulle drehte sich um und bekam im gleichen Moment mit dem Knüppel einen Kinnhaken, der sich gewaschen hatte. Ohne noch etwas sagen zu können, plumpste er dumpf auf den Boden. Jetzt war ich dran mit meinen Fesselkünsten und machte ein schönes Schnürpaket, wie es Väterchen Frost nicht besser hinbekommen hätte! Nun hockte ich in freudiger Erwartung hinter dem Schutzwall der Flakstellung. Wenig später war Paket Nr.2 fertig.
Jetzt mußte alles schnell gehen: Ich griff mir eine Maschinenpistole und Munition, dann lief ich noch einmal zu meiner "Rata". Ich baute schnell Kompass und Borduhr aus und nahm noch die Signalpistole, die ich immer unter dem Sitz habe. Wehmütig legte ich meine Hand auf den Rumpf, das Holz fühlte sich warm an: "Mach's gut! Doswidanja!". Ich rannte in den nahen Wald, um mich dann einige Kilometer nach Süden durchzuschlagen, wo ich ein kleines Dorf wußte. Dort hatte ich von oben auch Boote gesehen. Meine Flucht war wohl noch nicht bemerkt worden oder hatte sich noch nicht herumgesprochen, die handvoll deutscher Wachen im Dorf jedenfalls schienen sehr gelangweilt. Ich konnte mich zu den Booten schleichen und nahm eins mit Außenborder. Jetzt mußte ich nur noch unbemerkt etwa 300 Meter rudern, bis mich der Morgendunst der Ostsee aufnahm und ich außer Sichtweite der Faschisten den Motor anwerfen konnte. Den etwa 70 km langen Rückweg nach Seskar schaffte ich dann dank meines geschulten Navigationssinns und etwas Glück. Es gab eine große Feier nach meiner Rückkehr, der Wodka floß in Strömen.

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